Fünf Fragen an Aline – Lass mal Wilde Wiese machen!

Portrait von Aline

Mit unserem Projekt “Wilde Wiese” unterstützen wir Unternehmen dabei, ihre Flächen ökologisch aufzuwerten – sei es eine Fassade, das kahle Dach oder der versiegelte Innenhof. Das Ziel: strukturreiche Lebensräume für Insekten, Vögel und andere Kleintiere zu schaffen, die gleichzeitig grüne Erholungsräume für Mitarbeitende, Besucher:innen oder Mieter:innen sind.

Hinter jeder Wilden Wiese steht das Engagement unseres Bee2B-Teams. Teil davon ist Aline, Landschaftsarchitektin und zertifizierte DGNB-Biodiversitätsmanagerin. Sie nimmt die Flächen der Unternehmen genau unter die Lupe und entwickelt passgenaue Maßnahmen, die den Standort in ein artenreiches Biotop verwandeln sollen. In die Planung der Flächen fließen die Potenziale des Standortes und die Wünsche der Unternehmen ein. Schließlich soll die Fläche nicht nur Wildbienen glücklich machen, sondern auch von den Menschen vor Ort geschätzt und genutzt werden. 

Wie das in der Praxis gelingt, welchen Herausforderungen Aline dabei begegnet und warum es sich lohnt, unseren Blick auf Ästhetik zu weiten, hat sie uns erzählt:

1. Wie lange bist du schon bei Stadtbienen? Welche Rollen hast du in der Organisation und speziell im Bereich Wilde Wiese?

Bei den Stadtbienen bin ich nun seit beinahe zwei Jahren. Meine Hauptaufgabe ist die Leitung unserer Wilde-Wiese-Projekte, also die Analyse und Planung zur Umgestaltung von Unternehmensflächen. Das heißt: Ich plane insektenfreundliche Freiräume auf Firmengeländen, Dächern, an Fassaden und in Wohnumfeldern. Am Anfang steht immer eine Vor-Ort-Begehung, bei der ich mir die Fläche genau anschaue. In Gesprächen mit den Unternehmen kläre ich ihre Vorstellungen und Wünsche, zum Beispiel, ob bestimmte Zertifizierungen angestrebt werden, und entwickle anschließend ein passgenaues Konzept. Das reicht von einer Skizze bis zur Ausführungsplanung und umfasst unter anderem die Gestaltung von Aufenthaltsbereichen, Habitatstrukturen, ein Pflanzkonzept sowie die Auswahl von Zielarten, die gefördert werden sollen.

Aline vor einem Hevert- Arzneimittel-LKW, bei der Standortbegutachtung für ein neues Wilde-Wiese-Projekt

Der Beginn einer Wilden Wiese

Hier seht ihr Aline bei der Standortbegutachtung bei unserem Partner Hevert-Arzneimittel – der erste Schritt auf dem Weg zur maßgeschneiderten Wilden Wiese.

2. Welche Herausforderungen begegnen dir bei der Planung der Wilden Wiesen?

Wir merken deutlich, dass viele Firmen sparen. Das Budget für unser Projekt kommt oftmals von der Marketingabteilung und ist sozusagen eher ein Nice to have. Dabei sind Bestäuber wie Bienen, Schmetterlinge und Co. ein Must have: Sie spielen eine Schlüsselrolle für unsere Ökosysteme und sorgen mit ihrer Bestäubungsleistung dafür, dass unsere Tische so reichlich gedeckt sind. Dass Insekten daher dringend unseren Schutz brauchen, ist leider noch nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen. 

Ein weiteres Thema ist die Pflege der neu angelegten Flächen. Sie ist entscheidend dafür, dass die Freiräume langfristig schön und ökologisch wirksam bleiben. Weil es hier oft noch keine Expertise zu naturnahen Freiflächen gibt, wird häufig zu viel gepflegt und entfernt. Um dem vorzubeugen, bieten wir dem zuständigen Fachpersonal Schulungen an.

> Aline im Interview mit Springer Professional über die Wilde Wiese und Biodiversität als Wirtschaftsfaktor

3. Seid ihr bisweilen mit Vorbehalten konfrontiert und wie geht ihr im Projekt damit um?

Viele Kund:innen haben Vorbehalte bezüglich der Ästhetik von natürlich gestalteten Flächen. Zum Beispiel möchten sie abgeblühte Pflanzenteile nicht über den Winter stehen lassen oder wünschen kein Totholz auf der Fläche, aus Sorge vor Kritik der Mieter:innen, Besucher:innen oder Mitarbeiter:innen. Wir versuchen deshalb, alle Beteiligten mitzunehmen und in Gesprächen oder über unsere Lehrtafeln zu erklären, wie wichtig diese Strukturen sind. In trockenen Pflanzenstängeln und in Totholz finden zahlreiche Insekten lebenswichtige Rückzugs- und Nistorte. Wenn der natürliche Charakter der Flächen nicht gewünscht ist, plane ich eine repräsentative Staudenpflanzung mit heimischen Arten, die insektenfreundlich und schön anzusehen ist.

Abgeblühte Pflanzen im Winter mit Frost überzogen

Hier überwintern die zukünftigen Insektenpopulationen

Verblühte Pflanzenstängel und Totholz kollidieren oft mit unserem Bild einer gepflegten Fläche, bieten Insekten aber wertvolle Winterquartiere.

Die Azubis von Stromnetz Berlin und Berliner Energie und Wärme posieren mit Aline und Andreas von Stadtbienen für ein Gruppenfoto. Zusammen haben sie auf dem Dach des Ausbildungszentrums Hochbeete mit insektenfreundlichen Pflanzen und Nistmöglichkeiten gebaut.

Wilde Wiese geht auch als Wildes Dach!

Im Oktober 2024 ist über das Berliner Bündnis für Biodiversität ein besonderes Wilde-Wiese-Projekt entstanden – diesmal in luftiger Höhe. Gemeinsam mit Stromnetz Berlin und Berliner Energie und Wärme (BEW) wurde die zuvor eher trostlose Dachterrasse des Ausbildungszentrums in Neukölln in eine grüne Oase verwandelt. Heute ist sie Teil der Grünen Route durch Berlin, eine Serie grüner Inseln, die zum Erhalt der Artenvielfalt in Berlin beitragen. Gemeinsam mit den Azubis beider Energieunternehmen haben wir fleißig angepackt. Entstanden sind Hochbeete mit insektenfreundlicher Bepflanzung, ergänzt um Sandarien, Nisthilfen und gemütliche Sitzmöglichkeiten. Alle Module sind auf Paletten gebaut und möglichst leicht. Das hält die Dachlast gering und die einzelnen Elemente können bei Bedarf verschoben werden. Das Ergebnis sorgte für stolze und glückliche Gesichter bei allen Beteiligten und macht Berlin ein Stück grüner und artenreicher.

4. Wie plant man naturnahe Flächen so, dass Menschen, Tiere und Pflanzen davon profitieren?

Welche Tier- und Pflanzenarten auf der Fläche ein Zuhause finden, hängt von den Möglichkeiten des Standorts und der regionalen Flora und Fauna ab. Wenn wir beispielsweise an Trockenstandorten Sandarien für bodennistende Wildbienen anlegen, pflanzen wir auch entsprechende Stauden, die diesen Arten Pollen und Nektar bieten. Für den Menschen ist es wichtig, dass wir die Sinne ansprechen und “Schönheit” in Form von Blüten, Blattformen und Farben schaffen. Damit die Besucher:innen vor Ort wissen, was auf der Fläche vor ihnen wächst, summt und kriecht, bieten wir mit unseren Wilde-Wiese-Lehrtafeln spannende Einblicke in die Flora und Fauna. Wichtig ist auch der soziale Aspekt, also einen Treffpunkt zum Austausch mitzudenken. Wer seine Pause gerne draußen verbringt, freut sich wahrscheinlich über duftende Kräuter und Sitzgelegenheiten.

Der Innenhof des Caleido in Stuttgart. Hier beim Sitz der DGNB wurden heimische Stauden in mehreren runden Beeten angelegt.

Eine Pause im Grünen

Im Innenhof des Caleido in Stuttgart – dem Sitz der DGNB – haben wir heimische, insektenfreundliche Stauden gepflanzt. Hier finden die lokale Artenvielfalt und die Mitarbeitenden einen blühenden Rückzugsort.

5. Was würdest du allen Menschen gerne mitgeben?

Ich wünsche mir, dass wir uns als Teil des Ökosystems begreifen, nicht als außenstehende Beobachter:innen. Dazu gehört, den Blick für Zusammenhänge zu schärfen, für die Lebensrealitäten anderer Arten und für unsere eigene Abhängigkeit von gesunden Ökosystemen.
Ich hoffe sehr, dass wir unsere ästhetischen Sehgewohnheiten weiterentwickeln. Von einem ökologisch leergefegten Rasen hin zu einer “wilden Schönheit”, zu einem Verständnis, dass naturnahe Flächen nicht “unordentlich oder ungepflegt” sind, sondern artenreich, klimatauglich und einfach schön! Schaut euch zum Beispiel mal an, was eine große Distel für ein faszinierendes Gesamtkunstwerk ist.

Sie sind interessiert an einer Wilden Wiese für mehr Biodiversität auf Ihrem Unternehmensgelände?

Sebastian Podratz ist Ihr Ansprechpartner und berät Sie gern zu passenden Förderprogrammen an Ihrem Firmenstandort!

Sebastian_Portrait
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Bildnachweis

1: Marie Fröhlich
2: Stadtbienen

3: Canva
4: Stadtbienen
5: Leo Seidel

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