Honigbienen und Wildbienen – Kollegen oder Konkurrenten?

Wildbienen und Honigbienen - Stadtbienen Blog

Kampf der Bestäubungsprofis?

Bienen sind im Trend – vor allem die Stadtimkerei erfreut sich seit dem vergangenen Jahrzehnt immer größerer Beliebtheit. Kritiker:innen warnen vor einer Verdrängung gefährdeter Wildbienenarten durch die Honigbienen. Was ist dran an der vermeintlichen Konkurrenz? Gefährden Honigbienen die Wildbienenpopulationen – oder sind die Ursachen des Artenverlustes nicht woanders zu suchen?

Wildbienen sind Spezialisten, Honigbienen sind Generalisten

Von den rund 600 Wildbienenarten, die in Deutschland heimisch sind, stehen mehr als die Hälfte auf der Roten Liste der gefährdeten Arten. Im Gegensatz zu den Honigbienen, die als Generalisten den Pollen und Nektar vieler unterschiedlicher Pflanzen sammeln können, haben viele Wildbienenarten speziellere Bedürfnisse. Trotzdem sind alle Bienenarten durch ihre gemeinsamen Blütenressourcen in einem großen Netzwerk miteinander verbunden.

In einer Stellungnahme zum Thema Konkurrenz zwischen Wildbienen und Honigbienen schreibt die Arbeitsgemeinschaft der Institute für Bienenforschung e.V.:

“Vor allem in wichtigen landwirtschaftlichen Kulturen ist die Bestäubungsleistung der Honigbiene eminent und unverzichtbar. Dennoch sind auch dort Wildbienen für eine stabile Fruchtbildung wichtig, daher ist eine Betrachtung der Wildbienen und Honigbienen als miteinander im Wettbewerb stehende Konkurrenten grundsätzlich wenig zielführend. Im Gegenteil – Wildbienen und Honigbienen ergänzen sich und erhöhen somit die Resilienz eines Agrarökosystems gegen Störungen von außen. Die Raum- und Zeitmuster des Sammel- und Aktivitätsverhaltens vieler Wildbienen unterscheiden sich von denen der Honigbienen, so dass eine sichere Bestäubung nur durch das Zusammenwirken beider garantiert ist.“

Quelle: Arbeitsgemeinschaft der Institute für Bienenforschung e.V. [Link]

Teamwork für die lokale Biodiversität

Richtet man den Blick außerhalb der städtischen Ballungsgebiete, legt folgender Spezialfall nahe, dass ein gemeinsames Nebeneinander möglich ist: In der Lüneburger Heide soll schon im 16. Jahrhundert erwerbsmäßig geimkert worden sein. Seitdem ist dieses Gebiet einer der bekanntesten und lukrativsten Hotspots für Imker:innen, die die Blüte der heimischen Besenheide nutzen wollen. Bienenvölker werden seit jeher dort in großer Zahl eingewandert. Trotzdem haben sich auf die Besenheide spezialisierte Wildbienenarten (Heide-Sandbiene und Heide-Seidenbiene) etablieren können. Man kann davon ausgehen, dass sich trotz der gemeinsamen Ressourcennutzung eine Koexistenz der Bienenarten in der Heide entwickelt hat.

Ein reich gedeckter Tisch kann eine mögliche Konkurrenzsituation nicht nur entspannen, sondern sogar einen Zusatznutzen generieren. Denn Blütenvielfalt bedeutet auch Bienenvielfalt – das haben zuletzt im Jahr 2020 Untersuchungen der Universität Göttingen gezeigt (Uni Göttingen). Ein anschauliches Beispiel ist die Ackerbohne; ihr Nektar liegt tief in den Blütenkelchen und ist unmöglich mit dem kurzen Rüssel der Honigbiene zu erreichen. Stattdessen sichern hier langrüsselige Hummeln den Bestäubungserfolg.

Hummel sammelt Nektar an einer Ackerbohne

Ökosysteme profitieren von einer Bestäubervielfalt

Mit ihrem langen Rüssel gelangt die Hummel an den Nektar der Ackerbohne. Bei den tiefen Blütenkelchen der Ackerbohne haben Honigbienen und viele andere Wildbienenarten keine Chance.

Honigbienen sind keine Alleskönner

Bei niedrigen Temperaturen übernehmen vor allem Hummeln oder Mauerbienen den Job des Pollen- und Nektarsammelns – sie fliegen schon ab 6 Grad Celsius aus, während die Honigbienen noch auf wärmere Temperaturen warten. Vor allem im Obstanbau werden die Dienste dieser Niedrigtemperaturflieger gezielt zur Bestäubung genutzt.

Für die Bestäubung von Obstbäumen setzen Landwirt:innen auf die Rote Mauerbiene. Die Honigbiene fliegt tendenziell von Blüte zu Blüte ohne dabei den Baum zu wechseln. Die Mauerbiene wechselt hingegen den Baum, nachdem sie einige Blüten besucht hat. Dadurch transportiert sie den Blütenpollen von Baum zu Baum und sorgt damit für eine erfolgreiche Bestäubung und Befruchtung.

Bestimmte Pflanzen aus der Familie der Nachtschattengewächse (z. B. Tomaten, Paprika und Peperoni) können ausschließlich durch Hummeln bestäubt werden. Die erzeugen mit ihrer Flugmuskulatur eine derart hohe Vibrationsfrequenz, dass der Pollen aus den sonst geschlossenen Staubgefäßen herausfällt. Diese einzigartige Form der Bestäubung nennt man Vibrationsbestäubung.

Die Hälfte aller Blütenbesuche geht auf die Kappe von anderen Insekten

Nicht nur Honig- und Wildbienen sind entscheidend für die erfolgreiche Bestäubung von Wild- und Kulturpflanzen. Bis zu 50 Prozent aller Blütenbesuche werden von anderen bestäubenden Insekten (zum Beispiel Schmetterlingen, Käfern, Motten, Fliegen und Ameisen) erbracht. Honigbienen setzen bei der Bestäubung eher auf Quantität – sie fliegen täglich sehr viele Blüten an. Andere Insekten sind nicht ganz so flink unterwegs, besuchen Blüten aber gerne mehrmals, was die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass aus einer Blüte eine Frucht wird.

Not-So-Fun Fact

Die Biomasse von fliegenden Insekten ist zwischen 1989 und 2014 um 75 Prozent zurückgegangen (Entomologischer Verein Krefeld).

Problematisch ist nicht die hohe Nachfrage, sondern das mangelhafte Angebot

Das Verschwinden geeigneter Lebensräume ist die Hauptursache für den Verlust von Insektenarten und Insektenvielfalt (IPBES). Das mangelhafte Angebot an geeigneten Nahrungsquellen erhöht den Konkurrenzdruck zwischen den bestäubenden Insekten.

Für die Wildbienen darf die Entfernung zwischen Nistplatz und Nahrungsquelle nicht zu groß sein. Studien des Botanischen Gartens in München-Nymphenburg (2020) haben ergeben, dass die ideale Entfernung zwischen Nistplatz und Futterquelle 150 Meter nicht überschreiten sollte (Staatlich Naturwissenschaftliche Sammlungen Bayerns). Gleichzeitig ist der Reproduktionserfolg einer Wildbiene umso geringer, je weiter sich das Weibchen vom Nachwuchs entfernen und ihn damit unbewacht zurücklassen muss.

Sandbiene

Sandbienen nisten in der Erde

Sie gelten in Deutschland im Moment nicht als gefährdet – das kann sich aber ändern, wenn die Versiegelung von Flächen durch den Menschen ungebremst fortschreitet.

Während Wildbienen-Expert:innen mit Imker:innen über eine möglicherweise populationsrelevante Konkurrenzsituation streiten, sinkt das Angebot an geeigneten Nistplätzen und Nahrungsquellen täglich. Im Schnitt werden in Deutschland jeden Tag 45 Hektar Fläche versiegelt. Unsere Landwirtschaft ist abhängig von der Bestäubungsleistung der Insekten, aber die Gesellschaft ist nicht bereit, ihre Lebensgrundlage in angemessenem Ausmaß zu sichern.

Versiegelung von Böden, Intensivierung der Landwirtschaft, Monokulturen, Überdüngung von Magerstandorten, Herbizide und Insektizide, die Klimakrise – das sind Herausforderungen, die alle bestäubenden Insekten gefährden.

Rapsfeld

Der Raps ist für die Honigbienen ein kurzes Vergnügen

Er blüht nur wenige Wochen lang, danach müssen die Honigbienen Zeit bis zur nächsten Massentracht überbrücken. In einer solchen Agrarlandschaft sind die Möglichkeiten begrenzt, und ohne Blühstreifen haben Wildbienen und andere Insekten kaum eine Chance zu überleben.

Es fehlt an Habitaten für alle bestäubenden Insekten

Eine Konkurrenzsituation kann nur da auftreten, wo nicht genügend Nahrung vorhanden ist. Unsere Natur- und Stadtlandschaften so zu gestalten, dass den Bestäubern Lebensräume und ein ausreichendes Nahrungsangebot zur Verfügung stehen, sollte das gemeinsame Ziel von Wild- und Honigbienen-Freund:innen sein. Dafür müssen bestäuberspezifische Habitate geschaffen werden, die den Bedürfnissen von Wildbienen und anderen bestäubenden Insekten gerecht werden. Von entscheidender Bedeutung ist – sowohl in der klassischen Agrarlandschaft als auch im städtischen Umfeld – eine Vernetzung neuer und bereits vorhandener Flächen zu biodiversitäts-durchlässigen Trittsteinen, zum Beispiel in Form von Blühstreifen-Netzwerken.

Städte sind perfekte Lebensräume für bestäubende Insekten

Während der ländliche Raum aufgrund von Monokulturwüsten und Ackergiften immer lebensfeindlicher für die Bestäuber wird, finden sie in der Stadt fast das ganze Jahr über Nahrung. Mit regional angepassten Saatgutmischungen (zum Beispiel von Rieger-Hofmann) können auf Balkonen und Friedhöfen, in Gärten und Parks wilde Wiesen angelegt werden, um das Angebot zu erhöhen.

Das Problem ist menschengemacht – die Lösung auch!

Was die Konkurrenz zwischen Wild- und Honigbiene an der Blüte angeht, besteht dringend weiterer Forschungsbedarf. Auf wissenschaftlicher Grundlage sollten effektive Maßnahmen gestaltet werden, die dem Erhalt gefährdeter Wildbienenarten zugutekommen. Wir sollten nicht den Fehler wiederholen, den Schutz einer Art zu fokussieren, gar Honigbiene und Wildbiene gegeneinander auszuspielen. Sie sind zwei Seiten der gleichen Medaille.

Das Überleben und die Vielfalt von Wildbienen hängen davon ab, wie wir unsere Kulturlandschaften gestalten. Wir müssen gesunde, abwechslungsreiche Ökosysteme schaffen, die den Nist- und Nahrungsbedürfnissen von Wildbienen gerecht werden und gleichzeitig die Nutzung durch Honigbienen tragen können. 

Bildnachweis

1: Sandbiene
2: Hummel

Gabi Wolf via shutterstock
Trevor Mayes via shutterstock

3: Rapsfeld
4: Stadtbalkon

Dariusz Dembek via shutterstock
Isa Long via shutterstock

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