Der Bienenstaat

Der Bienenstaat ist ein dynamisches und komplexes Gebilde. Das wird dir im Lauf des Jahres bestimmt auffallen. Wenn du die Bienen genau beobachtest, wirst du erkennen, dass sich ständig etwas Neues tut. Die Zahl der Bienen passt sich den jahreszeitlichen Gegebenheiten an und wächst von 8000 bis 10.000 im Winter auf über 40.000 im Sommer an, um dann wieder zu schrumpfen. Entsprechend ändert sich auch die Zusammensetzung, und die einzelnen Bienen übernehmen unterschiedliche Aufgaben.

Der Imker Ferdinand Gerstung entwickelte dafür den Begriff „Der Bien“. Damit wollte er zum Ausdruck bringen, dass all diese Individuen zusammen einen Organismus bilden und Gruppen davon bestimmten Organen entsprechen. Königin und Drohnen stehen für die Fortpflanzung, die Arbeiterinnen stehen für die Nahrungsaufnahme und Verdauung etc. Natürlich war ihm klar, dass diese Analogie Grenzen hat, aber sie wurde bis heute immer weiterentwickelt. Innerhalb des Biens gibt es drei unterschiedliche Wesen: die Königin, die Arbeiterinnen und die Drohnen. Sie haben unterschiedlich Aufgaben, aber erst im perfekten Zusammenspiel ist dieser Superorganismus überlebensfähig.

Arbeiterin, Drohne & Königin

  • Die Arbeiterin (links) ist die kleinste und mit weitem Abstand häufigste Biene im Stock.

  • Der Drohn (Mitte) fällt vor allem durch seine großen Augen und seinen stämmigen und kräftigen Körperbau auf. Ein weiteres besonderes Merkmal: Er hat keinen Stachel. Der Drohn findet sich nur im Sommer.

  • Die Bienenkönigin (rechts) kommt in jedem Volk nur einmal vor. Sie ist das mit Abstand größte und langlebigste Tier und das einzige fortpflanzungsfähige Weibchen. Vor allem ihr langer Hinterleib sticht ins Auge. Ihren Namen trägt sie zu Unrecht: Sie hat wenig zu bestimmen.

Aus einem Ei wird eine Biene

Das ganze Leben der Bienen findet auf den Waben statt. Das dafür nötige Wachs schwitzen sie mit bestimmten Drüsen aus. Sie können sie sich ihr Haus also mit einem körpereigenen Stoff selbst bauen. Das macht sie – wieder einmal – so besonders. In den Waben wird die Brut aufgezogen und der Nahrungsvorrat eingelagert, gearbeitet, getanzt und kommuniziert. Die Waben sind sozusagen das Skelett des Biens.

Entscheidend für das Überleben des Volks ist es, für Nachwuchs zu sorgen. Das Brutnest liegt zentral und wird von Arbeiterinnen penibel gepflegt und gesäubert. Die Königin ist den größten Teil des Jahres damit beschäftigt, Eier zu legen – der Imker nennt das stiften. Sie legt ein Ei auf einen Zellenboden. Ist der Durchmesser der Zelle größer, legt sie ein unbefruchtetes Ei, aus dem sich ein Drohn entwickelt. In eine kleinere Zelle kommt ein befruchtetes Ei, aus dem eine weibliche Biene wird.

Die Arbeiterinnen bestimmen also die Anzahl der einzelnen Individuen im Bien, indem sie beim Wabenbau entsprechend große Zellen anlegen. Diese Entscheidungen treffen die Arbeiterinnen durch ihre stetige Kommunikation und erkennen so die Bedürfnisse im Volk: Werden im Jahreslauf Drohnen benötigt, legen sie die größeren Zellen an. Sollte es irgendwann nötig sein, eine neue Königin heranzuziehen, wird vom Bien eine große Zelle gebaut, die nicht horizontal sondern vertikal im Wabenwerk hängt.

Dahinein legt die Königin ein befruchtetes Ei ab. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass die Ammenbienen jetzt dieses Ei bis zur Verdeckelung der Zelle mit einem speziellen Weiselfuttersaft, dem Gelee Royal füttern. Nach 16 Tagen schlüpft eine junge Königin aus dieser speziellen Zelle. Im Gegensatz zu den jung heranwachsenden Königinnen bekommen die Arbeiterinnen diesen Futtersaft nur bis zum vierten Tag.

Welche Lebenserwartung haben Bienen?

Die Lebenserwartung einer einzelnen Biene hängt von verschiedenen Faktoren ab. Dabei unterscheidet sich nicht nur der Drohn von der Königin und der Arbeiterin. Auch das Leben einer Arbeiterin, die im Sommer lebt, ist deutlich kürzer als das einer Arbeiterin, die im Winter lebt.

Eine Biene, die im Frühjahr bzw. Sommer zur Welt kommt, hat rund sechs Wochen zu leben. Eine Arbeiterin, die im Herbst auf die Welt kommt, lebt bis zu sechs Monate. Im Sommer gibt es im Bienenstock mehr zu tun als im Winter. Der Biene steht ein begrenztes Energiepensum zur Verfügung, welches sie im Sommer in kurzer Zeit verbraucht, und das im Winter, durch eine inaktivere Lebensweise, länger anhält. Mehr zum Bienenjahr erfährst du hier.

Welche Aufgaben übernehmen die Bienen im Bienenstock?

Wenn du einen Blick in den Bien wirfst, siehst du zunächst ein großes Gewusel. Doch wenn du genauer hinsiehst und einzelne Bienen im Blick behältst und verfolgst, wird dir auffallen, dass sie offenbar ganz unterschiedlichen Tätigkeiten nachgehen.

Putzbiene

Eine frisch geschlüpfte Biene erkennst du leicht an ihrem hellen Pelz auf ihrem Rückenschild. Im Sommer kann man sie leicht beim Schlupf beobachten: Sieh ihr zu, wie sie sich durch ihren Zelldeckel knabbert. Sobald sie geschlüpft ist, wird sie sich bald umdrehen und ihre Zelle putzen – wenn nicht eine andere Arbeiterin die Aufgabe schon übernommen. Tatsächlich wird sie sich in ihrer ersten Lebensspanne um die Hygiene des Stocks kümmern. Bei einer solch hohen Dichte wie in einem Bienenstock besteht ständig Infektionsgefahr. Da ist es überlebenswichtig, kontinuierlich die Waben sauber zu halten. Vor allem die Brutzellen müssen, nachdem die jungen Bienen geschlüpft sind, auf die nächste Eiablage der Königin vorbereitet werden, wozu sie mit dem desinfizierenden Bienenharz, dem Propolis, überzogen werden.

Ammenbiene

Doch nicht jede Biene, die den Kopf in eine Zelle steckt, reinigt diese. Vielleicht siehst du, wie sie gerade den Nachwuchs füttert. Denn wenn die Arbeiterin einige Tage alt ist, wandelt sich ihr Aufgabengebiet. Sie wird zur Ammenbiene und kümmert sich um die junge Brut. Die Pflege der Nachkömmlinge beginnt mit der Fütterung älterer Larven mit Bienenbrot, einem Gemisch aus Pollen und Honig. Sobald ihre Futtersaftdrüsen voll ausgebildet sind, produzieren sie auch den Futtersaft (Gelee Royal) und geben ihn in die Brutzellen, wo die frisch abgelegten Eier darauf warten, bald in diesem extrem nahrhaften Saft zu schwimmen. Nebenbei versorgen die Ammenbienen noch die Drohnen und die Königin, die ebenfalls gefüttert und geputzt werden wollen.

Wächterbiene

Die Wächterbienen werden schnell auffallen, wenn du dich dem Flugloch näherst, denn sie verteidigen das Haus. Kommt man ihnen zu nahe, kann es schmerzhaft werden. Sie kontrollieren jeden, der in den Stock möchte, mit ihren Antennen und erkennen am Geruch, ob es sich um eine Biene des eigenen Volks handelt oder um einen Eindringling wie Wespen oder fremde Bienen, die ihnen den Honig rauben wollen. Aber auch dich werden sie abchecken, wenn auch meist nicht gleich zustechen. Zur Verteidigung dienen ihnen der Stachel und das Bienengift.

 

Die Giftblase entwickelt sich schon im Puppenstadium, und ab dem 15. Lebenstag ist sie prall gefüllt und ready for action. Übrigens sterben Bienen nur, wenn sie Säugetiere stechen, denn dann bleibt der Stachel mit seinen Widerhaken hängen, wird ausgerissen, und die Bienen verbluten. Stechen sich dagegen andere Insekten, können sie ihn wieder herausziehen.

Baubiene

Ab ihrem dem 12. Lebenstag bilden sich die Futtersaftdrüsen langsam zurück, dafür entwickeln sich die Wachsdrüsen: Die Arbeiterin wird zur Baubiene und beteiligt sich am Wabenbau. Dabei nimmt sie die am Unterleib ausgeschwitzten Wachsplättchen, kaut und formt sie mit ihren Mundwerkzeugen, versetzt sie mit einem Sekret aus der Mandibeldrüse und verarbeitet sie im Team mit vielen weiteren Baubienen zu diesen filigranen Strukturen, auf denen das ganze Leben der Bienen stattfindet. Nebenbei verdeckelt sie auch die Zellen mit Brut und Honig oder repariert sie.

Einige Bienen in diesem Alter beginnen auch, den eingetragenen Nektar und Pollen zu verarbeiten. Sie übernehmen die Nahrung von den Flugbienen, bringen ihn auf die Waben und in die Zellen, versetzen ihn mit Enzymen, Peptiden und weiteren Stoffen und verringern den Wassergehalt, indem sie mit den Flügeln wedeln und für Verdunstung sorgen.

Sammelbiene

Nachdem die Biene die erste Hälfte ihres Lebens als Stockbiene verbracht hat, folgt jetzt das aufregende und gefährliche Dasein als Flugbiene. Sie sammelt nun die Nahrung für ihre Kolleginnen – Nektar, Honigtau von Läusen, Pollen und Wasser – und transportiert sie zum Stock. Den Pollen kannst du deutlich an den bunten Pollenhöschen an den Hinterbeinen erkennen, wenn du die zurückkehrenden Bienen am Flugloch beobachtest.

Das Leben als Flugbiene ist nicht ungefährlich, denn es lauern gefräßige Vögel auf dem Weg; plötzliche Gewitter, Windböen oder starker Regen können den Rückflug zur turbulenten Angelegenheit machen. Bis zu 2000 Blüten besucht sie pro Tag, um ihren Teil zum Wintervorrat beizutragen. Dabei schont sie ihren Körper nicht. Haare brechen, die Flügel zerfransen, die Energie lässt nach. Schließlich stirbt sie meist außerhalb des Stocks, um ihrem Volk mit einem Tod innerhalb des Stocks nicht zur Last zu fallen.